In den Partnerklassen des JHGs ist jeder Tag anders – voller kleiner Herausforderungen, großer Gefühle und besonderer Begegnungen. Und mittendrin: Schulhündin Hazel. Mal Trostspenderin, mal aufmerksame Beobachterin – und dieses Mal Erzählerin. Ein spannender Blick hinter die Klassenzimmertür, der zeigt, wie feste Strukturen und Unplanbarkeit miteinander vereinbart werden. (Teaser für Schülerzeitung)

Wenn wir das Klassenzimmer betreten, begrüße ich zuerst alle Schülerinnen und Schüler und drehe eine Runde durch das Klassenzimmer. Dabei bemerke ich sofort, wie sich Freude in allen ausbreitet, bei manchen kann ich es direkt sehen, sie lächeln oder streicheln mich vorsichtig, bei anderen spüre ich es nur. Ich bin Hazel, die Schulhündin der Partnerklasse. Keine Lehrkraft, keine Schülerin, aber ich bin da, wenn es darauf ankommt. Gemeinsam mit Frau Singer besuche ich mehrmals die Woche die Partnerklasse und begleite sie in ihrem durchaus herausforderndem Schulalltag.

„Pläne sind zwar entscheidend, aber noch wichtiger ist es, diese loslassen zu können.“

Bei uns läuft vieles anders ab als in den übrigen Räumen des Schulhauses. Es werden nicht sofort die Hausaufgaben kontrolliert oder Vokabeln abgefragt. Stattdessen beginnt hier jeder Morgen mit einem festen Ritual: Zuerst werden das Datum und der Stundenplan des Tages gemeinsam erfasst und visuell an der Tafel festgehalten. Im Unterricht wird hier viel mit Bildern und Symbolen gearbeitet, so können es alle verstehen. Klare Abläufe und Strukturen geben allen Lernenden Sicherheit und Orientierung in ihrem Schulalltag. 

Pläne sind zwar entscheidend, aber noch wichtiger ist es, diese loslassen zu können. Denn was unsere Klasse von andere unterscheidet, ist ihre Unplanbarkeit. Die Lehrkräfte und das pädagogischen Fachpersonal müssen jederzeit flexibel reagieren. Es kann vorkommen, dass ein Kind einen schlechten Tag hat und den Raum nicht betreten oder nicht mitarbeiten kann. Oder es läuft überraschend gut und die Klasse schafft mehr als ursprünglich geplant. Unser Unterricht folgt daher keiner genauen Routine, sondern reagiert auf den Moment. Flexibilität ist hier eine Grundvoraussetzung. 

Im Umgang mit herausfordernden Situationen hilft den Lehrkräften die neue Ausbildung „Professionelles Deeskalationsmanagement“. Ein Begriff, den ich nicht verstehe, aber dennoch sehe, was er bedeutet. Die Lehrkräfte bekommen in Konfliktsituationen einen viel besseren Zugang zu den Schülerinnen und Schülern, wenn sie sich auf dasselbe Energielevel begeben. Wenn ein Kind also mal schreit und um sich schlägt, dann spricht auch Frau Singer lauter, um wahrgenommen zu werden und das Kind dann beruhigen zu können. Wenn all dies nichts hilft, wendet sie bestimmte Handlungsmuster und Griffe an, die nicht verletzen, sondern andere schützen und helfen.

Aber nicht nur die Lehrkräfte können den Schülerinnen und Schüler in Problemsituationen zur Seite stehen und helfen, sondern auch ich. Ich trage nicht nur insgesamt zu einem ruhigeren und entspannterem Klassenklima bei, sondern helfe auch, emotionale Herausforderungen zu bewältigen. Mal muss ich beruhigen, mal bin ich Trostspenderin und manchmal einfach nur still anwesend. Nähe, die nichts fordert, aber viel bewirken kann. Die Kinder profitieren ganz unterschiedlich von mir, die einen total offensichtlich, die anderen subtil, aber ich bin mir sicher, jeder spürt mich auf seine ganz eigene Weise. Ich sehe, wie sich etwas ändert, wenn ich da bin.

Um Konflikte aber weitestgehend zu vermeiden, ist die Freiarbeit ein wesentlicher Bestandteil im Unterricht der Partnerklassen. Hier können alle Lernenden in ihrem eigenen Tempo auf ihrem individuellen Niveau arbeiten. Manche rechnen beispielsweise schon im Zahlenraum 1000, andere lösen Aufgaben bis zur Ziffer 5. Ich bemerke, wie die Lehrkräfte mit dieser Form des Lernens besser auf die einzelnen Fähigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler eingehen können und gleichzeitig Konflikte und Störungen vorgebeugt werden. Während dieser Freiarbeiten werden alle entspannter, keiner muss sich mit anderen vergleichen, sondern alle machen genau das, was sie können. Und ich unterstütze sie dabei. Nicht als Lehrkraft, sondern als ruhiger Begleiter auf vier Pfoten. Ich bin da, ohne etwas zu fordern oder zu bewerten.

Feste Routinen und klare Strukturen sind für die Schülerinnen und Schüler der Partnerklassen entscheidend, um ihnen Sicherheit und Orientierung zu gewährleisten. Doch wenn wieder ein Projekt gemeinsam mit den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ansteht, ist die Freude deutlich spürbar. Egal ob Spiele spielen, Vorleseaktionen oder zusammen backen, alle Schülerinnen und Schüler sind immer eifrig und mit viel Begeisterung dabei. Und währenddessen beobachte ich etwas Besonderes: Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums zeigen plötzlich Eigenschaften, die man in deren Unterrichtsstunden kaum bemerken würde. Empathie, Geduld, Offenheit für Neues, auch für mich. Es entsteht ein gegenseitiges Lernen, ganz ohne Leistungsdruck, dafür mit viel Herz. So können beide Seiten von diesen gemeinsamen Aktionen profitieren. 

„Es wird deutlich, dass Verschiedenheiten kein Hindernis, sondern, ganz im Gegenteil, eine Chance sind, zu einer Öffnung unserer Gesellschaft beizutragen.“

Diese Zusammenarbeit ist aber mehr als ein nettes Extra, sie zeigt eine Haltung. Es wird deutlich, dass Verschiedenheiten kein Hindernis, sondern, ganz im Gegenteil, eine Chance sind, zu einer Öffnung unserer Gesellschaft beizutragen. Wir zeigen allen, wir gehören zusammen und wir können etwas gemeinsam machen, auch wenn nicht immer alles möglich ist. 

Und obwohl sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrkräfte des JHGs für solche Miteinander-Aktionen stets offen und bereit sind, steht diesen dennoch eine große Hürde im Weg: der zunehmende Lern- und Leistungsdruck seitens des Gymnasiums. Hierbei bleibt nur wenig Raum für das, was nicht bewertet und benotet wird. 

Aber genau deshalb ist es umso wichtiger, an den bereits bestehenden Projekten festzuhalten und diese immer wieder neu zu überdenken und weiterzuentwickeln. So kann Inklusion gefördert werden, nicht durch Perfektion, sondern viel mehr durch die Offenheit beider Seiten, der Partnerklasse und des Gymnasiums, der Schülerschaft und der Lehrkräfte. Wir können in die Welt hinaustragen, dass jeder so sein darf mit seinen Stärken und Schwächen und dass wir trotzdem alle eine große Gemeinschaft sind.

Und ich bin hier mittendrin. Ich beobachte all das ohne Worte. Ich nehme wahr, was nicht gesagt wird. Ich bin da, wenn es unruhig wird. Und auch wenn etwas gelingt. Und ich verstehe oft mehr, als man mir zutraut.

L.-M. Singer (Partnerklasse am JHG)